Die zwölf Muskelmeridiane oder Tendomuskulären Meridiane
Die Tendomuskulären Meridiane: die schützende Schicht von Muskeln und Sehnen
Die zwölf Tendomuskulären Meridiane — auch Muskelmeridiane oder Jing Jin genannt — sind die oberflächlichsten aller Meridiansysteme. Sie verlaufen durch Muskeln, Sehnen und Bänder des Körpers, folgen grob dem Verlauf der Hauptmeridiane, fächern jedoch breiter aus, und erreichen niemals die inneren Organe. Sie bilden die erste Verteidigungslinie des Körpers: die Schicht, die äußeren Einflüssen und körperlichen Verletzungen am unmittelbarsten ausgesetzt ist.
Verlauf und Wesen
Alle Tendomuskulären Meridiane beginnen an den Spitzen der Finger oder Zehen — dem periphersten Punkt des Körpers — und verlaufen von dort nach oben zum Kopf oder Rumpf. Sie folgen den Linien großer Muskelgruppen, Sehnen und Bänder. Im Gegensatz zu den Hauptmeridianen, die präzise Kanäle mit spezifischen Akupunkturpunkten sind, bilden die Tendomuskulären Meridiane breitere Bereiche — eher wie ein Netz energetischen Einflusses über das muskuloskelettale System.
Ein wichtiges Merkmal ist, dass sie keine eigenen spezifischen Akupunkturpunkte besitzen. Sie werden über die sogenannten Ah-Shi-Punkte behandelt — die Schmerzpunkte, die der Patient selbst angibt. Wo entlang des Verlaufs eines Tendomuskulären Meridians Schmerz vorhanden ist, dort wird behandelt.
Funktionen
Die Tendomuskulären Meridiane haben drei Kernfunktionen. Erstens schützen sie den Körper vor äußeren pathogenen Faktoren — insbesondere Wind, Kälte und Feuchtigkeit, die über die Oberfläche in den Körper eindringen. Wenn das Wei Qi stark ist, werden diese Pathogene von den Tendomuskulären Meridianen abgefangen, bevor sie tiefer eindringen können. Zweitens stellen sie die Verbindungen zwischen Skelett und Muskeln her — sie sind die energetische Grundlage der muskuloskelettalen Integrität. Drittens ermöglichen sie die Bewegung von Knochen und Gelenken — der freie Fluss des Qi durch die Tendomuskulären Meridiane ist eine Voraussetzung für geschmeidige, schmerzfreie Bewegung.
Klinische Anwendung
Die Tendomuskulären Meridiane sind besonders relevant bei muskuloskelettalen Beschwerden: Muskelschmerzen, Muskelspasmen, Tendinitis, Bandverletzungen und Gelenkbeschwerden. Sie bilden auch die primäre Schicht bei akuten äußeren Erkrankungen wie Nackenschmerzen nach kaltem Wind oder Schmerzen im unteren Rücken nach Durchnässung. Die Behandlung über Ah-Shi-Punkte in Kombination mit den Jing/Well-Punkten des zugehörigen Hauptmeridians ist ein klassischer Ansatz bei akuten schmerzbezogenen tendomuskulären Beschwerden.