← Zurück zur Wissensdatenbank

Die Jing-Well-Punkte

Die Jing-Well-Punkte
Akupunkturpunkte und Punktlehre Klassische Punktkategorien

Die Jing-Well-Punkte: die Quelle des Meridians an den Nägeln

Die Jing-Well-Punkte — im Chinesischen Jing-Punkte genannt, wobei Jing "Quelle" oder "Brunnen" bedeutet — sind die ersten der fünf Shu-Antiken Punkte auf jedem Meridian. Sie liegen an den unteren Nagelwinkeln der Finger und Zehen: am periphersten und oberflächlichsten Punkt jedes Meridians, wo das Qi gleichsam wie Wasser aus einer Quelle an die Oberfläche sprudelt. Trotz ihrer geringen Größe sind sie therapeutisch besonders kraftvoll — und besitzen drei spezifische Funktionen, die sie in der klinischen Akupunkturpraxis unverzichtbar machen.

Lage und Charakter

Jeder der zwölf Hauptmeridiane besitzt einen Jing-Well-Punkt am Nagelwinkel eines bestimmten Fingers oder Zehs. Der Lungenmeridian endet am Daumennagel (Lunge 11, Shaoshang); der Herzmeridian am Nagel des kleinen Fingers (Herz 9, Shaochong); der Lebermeridian am Nagel der großen Zehe (Leber 1, Dadun). Diese Punkte sind klein, oberflächlich und leicht zu lokalisieren — ihre Wirkung reicht jedoch weit.

Bei den Yin-Meridianen entspricht der Jing-Well-Punkt dem Element Holz; bei den Yang-Meridianen entspricht er dem Element Metall. Dieser Unterschied der Elementqualität spiegelt die verschiedenen therapeutischen Anwendungen der Jing-Well-Punkte auf Yin- und Yang-Meridianen wider.

Funktion 1: Den Geist beruhigen

Die Jing-Well-Punkte haben eine direkte beruhigende Wirkung auf den Shen — den Geist, der im Herzen wohnt. Bei akuter mentaler Unruhe, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Ruhelosigkeit können Jing-Well-Punkte schnell Linderung bringen. Dadurch sind sie besonders wertvoll in akuten Situationen, in denen der Geist aufgewühlt oder aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die direkte Verbindung der Jing-Well-Punkte mit den äußeren Körperschichten macht sie schnell reaktionsfähig — die therapeutische Wirkung tritt schneller ein als bei tiefer gelegenen Punkten.

Funktion 2: Das Bewusstsein wiederherstellen

Eine der spektakulärsten Anwendungen der Jing-Well-Punkte ist die Wiederherstellung des Bewusstseins bei Ohnmacht, Schock oder akuter Bewusstlosigkeit. In der klassischen chinesischen Ersten Hilfe wird eine kräftige Nadelstimulation oder das Kneifen der Jing-Well-Punkte verwendet, um einen Patienten wieder zu Bewusstsein zu bringen. Dies wirkt, weil der starke Reiz das Nervensystem aktiviert und den Qi-Fluss in den Meridianen schlagartig in Bewegung setzt. In der modernen Akupunkturpraxis werden sie bei akutem Kollaps, Ohnmacht durch Hitze oder emotionalem Schock eingesetzt.

Funktion 3: Distale Behandlung des anderen Meridianendes

Die dritte Funktion beruht auf dem Prinzip der distalen Behandlung: Ein Punkt an einem Ende des Meridians kann Beschwerden am anderen Ende behandeln. Das bekannteste Beispiel ist DI 1 (Shangyang, am Zeigefinger) des Dickdarmmeridians. Der Dickdarmmeridian endet an Nase und Gesicht. DI 1 eignet sich daher hervorragend zur Behandlung von Halsschmerzen, Nasenproblemen und Zahnschmerzen — obwohl sich der Punkt an der Hand befindet. Diese distale Wirkung gilt für alle Jing-Well-Punkte: Sie erreichen das weit entfernte andere Ende ihres Meridians.