Die Funktionen der antiken Shu-Punkte
Die Funktionen der fünf antiken Shu-Punkte: ein klinischer Leitfaden
Jeder der fünf antiken Shu-Punkte besitzt eigene therapeutische Qualitäten, die auf seiner Position in der Wassermetapher (von der Quelle bis zum Meer) und auf dem Element beruhen, mit dem er verbunden ist. Die Kenntnis dieser Funktionen ist für jeden Akupunkteur wesentlich: Sie ermöglicht die Wahl des richtigen Punktes für die spezifische Art der Beschwerde — sei es eine akute Hitze-Störung, ein chronisches Organproblem oder eine Gelenkerkrankung.
1. Jing/Well-Punkte: die Quelle an den Nägeln
Die Jing/Well-Punkte liegen an den unteren Nagelwinkeln — dem Anfangspunkt jedes Meridians. Sie sind am weitesten peripher gelegen und wirken am unmittelbarsten auf das Bewusstsein und die äußeren Schichten. Ihre drei klassischen Funktionen sind: den Geist bei Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Unruhe zu beruhigen; bei Ohnmacht oder Schock das Bewusstsein wiederherzustellen (sie sind in der Akupunktur die erste Wahl bei Bewusstseinsverlust); und Beschwerden am anderen Ende des Meridians zu behandeln (der erste Punkt des Dickdarmmeridians am Zeigefinger behandelt Halsschmerzen und Nasenprobleme, weil der Meridian an der Nase endet).
2. Ying/Spring-Punkte: Hitze ausleiten
Die Ying/Spring-Punkte — einen Schritt weiter von den Nägeln entfernt — sind Spezialisten für das Ausleiten von Hitze und Wärme. Sie sind die erste Wahl bei Fieber, Entzündungen, Hitzewallungen und Manie — alles Yang-Erscheinungen, die durch Ying/Spring-Punkte gekühlt und reguliert werden können. Insbesondere die Feuerpunkte an dieser Position sind besonders wirksam bei Hitze-Mustern. Sie können auch bei Störungen in den Yang-Meridianverläufen eingesetzt werden und behandeln ebenfalls Beschwerden am anderen Ende des Meridians.
3. Shu/Stream-Punkte: die stärksten Organpunkte
Die Shu/Stream-Punkte sind in der klassischen Akupunktur die am häufigsten verwendeten der fünf Typen — insbesondere jene auf den Yin-Meridianen. Der Grund ist besonders: Im Shu/Stream-Punkt der Yin-Meridiane kommt Yuan Qi (das vorhimmlische, ursprüngliche Qi) an die Oberfläche. Dadurch eignen sich diese Punkte besonders zum Tonisieren und Harmonisieren des zugehörigen Yin-Organs auf einer tiefen, konstitutionellen Ebene.
Die Shu/Stream-Punkte auf den Yang-Meridianen wirken anders: Sie sind am wirksamsten zur Behandlung des Meridians selbst — insbesondere bei Gelenkbeschwerden, da die Yang-Meridiane über die Gelenke verlaufen.
4. Jing/River-Punkte: Stimme und Knochen
Die Jing/River-Punkte liegen um die Sprung- und Handgelenke. Klassisch werden sie bei zwei Arten von Beschwerden eingesetzt. Erstens bei stimmbezogenen Erkrankungen: Heiserkeit, Stimmverlust, abnormes Lachen, schwache Stimme oder Steifheit der Zunge — alles Beschwerden, bei denen die Jing/River-Punkte auf den Yin-Meridianen (die Metallpunkte) wirksam sind. Zweitens bei Erkrankungen von Knochen und Nerven.
5. He/Sea-Punkte: die tiefste Organbehandlung
Die He/Sea-Punkte an Knie und Ellenbogen sind die am weitesten distal gelegenen antiken Shu-Punkte — hier taucht das Qi tief in den Körper zu den inneren Organen ein. Sie eignen sich besonders für chronische Organerkrankungen, insbesondere Verdauungsprobleme. Magenprobleme durch unregelmäßiges Essen, Erbrechen und Durchfall sprechen gut auf die He/Sea-Punkte an. Besonders sind die "unteren He/Sea-Punkte" am Unterschenkel: Magen 37 für den Dickdarm, Blase 39 für den Dreifachen Erwärmer und Magen 39 für den Dünndarm. Auf den Yang-Meridianen wirken He/Sea-Punkte auch wirksam bei Hautproblemen.